Wer pflegt unsere Eltern – wer pflegt uns? – Warum kommunale Pflege immer wichtiger wird
Irgendwann kommt für viele Familien der Moment, in dem sich eine ganz einfache Frage plötzlich ganz konkret stellt: Wer kümmert sich um Mama oder Papa, wenn der Alltag allein nicht mehr funktioniert? Wer fährt zum Arzt? Wer übernimmt den Einkauf? Wer hilft beim Anziehen, bei Behördengängen oder im Haushalt? Und was passiert, wenn aus wenigen Stunden Unterstützung in der Woche immer mehr wird?
Viele Familien versuchen zunächst, diese Aufgaben selbst zu übernehmen – aus Liebe, aus Verantwortung und manchmal auch, weil scheinbar keine andere Möglichkeit bleibt. Doch die Pflege eines Angehörigen zu Hause kann schnell zu einer großen Herausforderung werden. Beruf, Familie, eigene Bedürfnisse und die Betreuung eines Angehörigen müssen miteinander vereinbart werden. Gleichzeitig stellt sich die Frage, wann professionelle Unterstützung notwendig wird und welche Entlastungsangebote vor Ort zur Verfügung stehen.
Damit rückt eine Frage in den Mittelpunkt, die weit über die einzelne Familie hinausgeht:
Wie können pflegende Angehörige unterstützt und entlastet werden, damit gute Pflege zu Hause möglich bleibt, ohne dass sie selbst dabei an ihre Grenzen geraten und was brauchen Städte und Gemeinden, damit Menschen auch mit Pflegebedarf möglichst lange selbst bestimmt zu Hause leben können?
Eine ähnliche Frage stand bereits im Mittelpunkt der ARD-Reportage „Wer pflegt Mama?“ aus dem Jahr 2022. Die Reportage von Lena Oldach beschäftigt sich mit der Situation pflegender Angehöriger und mit der Frage, wie Familien mit Pflegebedürftigkeit umgehen können. [i] Heute ist diese Frage aktueller denn je.
Pflege beginnt nicht erst im Pflegeheim
Wenn wir über Pflege sprechen, denken viele zunächst an einen ambulanten Pflegedienst oder an ein Pflegeheim. Doch Pflege beginnt häufig viel früher. Sie beginnt vielleicht damit, dass die Tochter einmal pro Woche für die Mutter einkauft. Der Sohn fährt den Vater zum Arzt. Eine Nachbarin hilft beim Ausfüllen eines Formulars. Ein Ehepartner übernimmt immer mehr Aufgaben im Haushalt. Was zunächst überschaubar erscheint, kann sich mit zunehmender Pflegebedürftigkeit verändern. Aus gelegentlicher Unterstützung wird regelmäßige Hilfe. Aus Hilfe wird Betreuung. Und irgendwann stellt sich die Frage, wie das alles dauerhaft funktionieren soll. Gerade für Angehörige kann diese Entwicklung belastend sein. Sie müssen Pflege mit Beruf, Familie und ihrem eigenen Leben vereinbaren. Gleichzeitig wissen viele zunächst gar nicht, welche Unterstützung es überhaupt gibt oder an wen sie sich wenden können. Dabei zeigen die aktuellen Zahlen, wie groß die Bedeutung des Themas inzwischen ist.
Ende 2023 lebten in Deutschland rund 5,7 Millionen Menschen mit Pflegebedarf. Gegenüber 2021 bedeutete das einen Anstieg um etwa 730.000 Personen. Das Statistische Bundesamt weist allerdings darauf hin, dass ein Teil dieses Anstiegs auch auf die seit 2017 geltende, weiter gefasste Definition von Pflegebedürftigkeit zurückzuführen ist. Besonders deutlich wird die Bedeutung der häuslichen Versorgung: Rund 86 Prozent der Pflegebedürftigen wurden 2023 nicht in stationären Einrichtungen, sondern im eigenen Zuhause versorgt. Etwa 3,1 Millionen Menschen bezogen dabei ausschließlich Pflegegeld und wurden damit überwiegend von Angehörigen unterstützt. Weitere rund 1,1 Millionen Menschen lebten ebenfalls zu Hause und erhielten Unterstützung durch ambulante Pflege- und Betreuungsdienste – teilweise gemeinsam mit ihren Angehörigen.
Pflege findet damit vor allem im direkten Lebensumfeld der Menschen statt.
Zu Hause. In der Wohnung. In der Nachbarschaft. Im Quartier. Und genau deshalb stellt sich die Frage, welche Rolle Kommunen bei der Gestaltung guter Pflege vor Ort übernehmen können.
Was bedeutet eigentlich „kommunale Pflege“?
Kommunale Pflege bedeutet nicht, dass die Stadt oder Gemeinde selbst alle Pflegeleistungen übernehmen muss. Es geht vielmehr um die Frage, welche Rahmenbedingungen vor Ort notwendig sind, damit Pflege funktionieren kann.
Denn ein Mensch braucht nicht nur einen Pflegeplatz oder einen ambulanten Pflegedienst. Er braucht vielleicht eine barrierearme Wohnung. Eine erreichbare Beratungsstelle. Einen Fahrdienst zum Arzt. Eine Tagespflege, damit der pflegende Angehörige arbeiten gehen kann. Einen Kurzzeitpflegeplatz, wenn die häusliche Versorgung vorübergehend nicht möglich ist. Vielleicht braucht er Unterstützung bei Demenz. Oder einfach jemanden, der regelmäßig nach ihm schaut. Auch Nachbarschaftshilfe und Ehrenamt können eine wichtige Rolle spielen.
All diese Angebote müssen jedoch nicht nur vorhanden sein. Sie müssen auch bekannt, erreichbar und miteinander verbunden sein.
Hier können Kommunen eine wichtige Rolle übernehmen. Sie kennen die Strukturen vor Ort und können gemeinsam mit Pflegeeinrichtungen, ambulanten Diensten, Beratungsstellen, Vereinen, Wohnungsunternehmen und weiteren Akteuren daran arbeiten, Versorgungslücken zu erkennen und vorhandene Angebote besser miteinander zu verbinden.
Es geht um mehr als Pflegeplätze. Eine Kommune sollte deshalb nicht nur fragen: Wie viele Pflegeplätze haben wir?
Genauso wichtig sind andere Fragen wie zum Beispiel:
- Gibt es ausreichend ambulante Unterstützung?
- Finden Pflegebedürftige und Angehörige schnell eine passende Beratung?
- Gibt es genügend Angebote für Tages- und Kurzzeitpflege?
- Gibt es ausreichend altersgerechten und möglichst barrierearmen Wohnraum?
- Welche Unterstützung gibt es für Menschen mit Demenz?
- Können Nachbarschaft und Ehrenamt sinnvoll eingebunden werden?
- Kennen die Menschen die vorhandenen Angebote überhaupt?
- Wissen Beratungsstellen, Pflegedienste, Einrichtungen und andere Akteure voneinander?
Denn gute Pflege besteht nicht nur aus medizinischer oder pflegerischer Versorgung. Es geht auch um Selbstbestimmung, Teilhabe und Lebensqualität.
Ein Mensch möchte vielleicht weiterhin selbst einkaufen gehen, Freunde treffen, in seinem Verein aktiv sein oder einfach in seiner vertrauten Wohnung bleiben. Pflege sollte deshalb nicht nur danach fragen, was ein Mensch nicht mehr kann. Sie sollte auch danach fragen, was weiterhin möglich sein soll.
Unterstützung muss dort ankommen, wo Menschen leben
Auch der Gesetzgeber hat die Bedeutung wohnortnaher Unterstützungsstrukturen aufgegriffen. Das Pflegeunterstützungs- und -entlastungsgesetz ermöglicht unter anderem gemeinsame Modellprojekte von Ländern, Kommunen und der Pflegeversicherung. Damit sollen innovative Unterstützungsmaßnahmen und -strukturen für Pflegebedürftige vor Ort und im Quartier entwickelt und erprobt werden. Außerdem haben Kommunen ein dauerhaftes Initiativrecht zur Einrichtung von Pflegestützpunkten zur Beratung von Pflegebedürftigen und ihren Angehörigen. [ii]
Solche Beratungsangebote sollen Pflegebedürftigen und ihren Angehörigen dabei helfen, sich im oft unübersichtlichen System der Pflegeleistungen zurechtzufinden. Für Betroffene zählt schließlich nicht allein, dass ein Angebot irgendwo vorhanden ist. Entscheidend ist vielmehr, ob sie davon erfahren, eine zuständige Anlaufstelle finden und die benötigte Unterstützung tatsächlich rechtzeitig erhalten.
Entscheidend ist:
- Weiß ich davon?
- Weiß ich, an wen ich mich wenden kann?
- Kann ich die Unterstützung tatsächlich erreichen?
- Bekomme ich Hilfe, bevor die Situation zu Hause eskaliert?
Genau hier kann kommunale Pflege ansetzen.
Die Herausforderung wird größer
Auch der Blick in die Zukunft zeigt, warum Kommunen sich frühzeitig mit diesem Thema beschäftigen müssen.
Wie sich der Pflegebedarf künftig entwickelt, lässt sich heute nicht exakt bestimmen. Die Vorausberechnungen des Statistischen Bundesamtes zeigen jedoch eine mögliche Größenordnung: Je nach Annahmen könnte die Zahl der Pflegebedürftigen bis zum Jahr 2055 auf etwa 6,8 bis 7,6 Millionen Menschen anwachsen. Diese Werte sind keine Vorhersage eines sicher eintretenden Szenarios. Sie verdeutlichen vielmehr, welche Entwicklungen auf das Pflegesystem zukommen könnten. Für Städte und Gemeinden bedeutet das, dass die notwendigen Strukturen nicht erst dann geschaffen werden sollten, wenn bestehende Angebote bereits an ihre Grenzen stoßen.[iii]‘[iv] Strukturen müssen möglichst frühzeitig geplant, aufgebaut und miteinander vernetzt werden.
Pflege betrifft uns alle
Vielleicht denken wir beim Thema Pflege zunächst an unsere Eltern.
Aber irgendwann kann es auch um den Partner gehen. Um Geschwister. Um Freunde. Oder um uns selbst. Die Frage lautet deshalb nicht nur: Wer pflegt unsere Eltern? Sondern auch: Wie wollen wir selbst leben, wenn wir irgendwann Unterstützung brauchen?
Möchten wir möglichst lange in unserer vertrauten Wohnung bleiben? Wollen wir weiterhin am gesellschaftlichen Leben teilnehmen? Was brauchen wir dafür? Und was brauchen unsere Angehörigen, damit sie uns unterstützen können, ohne selbst daran zu zerbrechen?
Diese Fragen lassen sich nicht allein innerhalb einer Familie beantworten. Pflege braucht professionelle Dienste, engagierte Angehörige, Beratung, Ehrenamt, Nachbarschaft – und gute Strukturen vor Ort.
Deshalb ist kommunale Pflege mehr als ein organisatorisches Thema. Sie ist auch eine Frage danach, wie wir in unseren Städten und Gemeinden miteinander leben und füreinander Verantwortung übernehmen wollen. Wenn Pflege überwiegend zu Hause stattfindet, dann entscheidet sich die Zukunft der Pflege nicht nur in Pflegeheimen und Pflegediensten. Sie entscheidet sich dort, wo Menschen leben: in unseren Wohnungen, unseren Quartieren, unseren Nachbarschaften und unseren Kommunen. Also ist die vielleicht wichtigste Frage schon jetzt: Was können wir vor Ort tun, damit Menschen auch im Alter oder mit Pflegebedarf weiterhin möglichst selbstbestimmt leben können?
Viele Grüße aus dem Referat Pflege!
Quellen:
[i] Wer pflegt die Eltern, wenn sie alt sind und Hilfe benötigen
[ii] Pflegeunterstützungs- und -entlastungsgesetz (PUEG) | BMG
[iii] Zahl der Pflegebedürftigen steigt bis 2070 deutlich an – Statistisches Bundesamt
[iv] Pflegevorausberechnung: 1,8 Millionen mehr Pflegebedürftige bis zum Jahr 2055 zu erwarten – Statistisches Bundesamt
Weitere Informationen und zusätzliche Quellen:
Statistisches Bundesamt (Destatis):
5,7 Millionen Pflegebedürftige zum Jahresende 2023, Pressemitteilung vom 18. Dezember 2024. Die Quelle enthält die Angaben zur Gesamtzahl der Pflegebedürftigen, zur häuslichen Versorgung sowie zur Versorgung durch Angehörige und ambulante Dienste. Statistisches Bundesamt – 5,7 Millionen Pflegebedürftige zum Jahresende 2023: 5,7 Millionen Pflegebedürftige zum Jahresende 2023 – Statistisches Bundesamt
Statistisches Bundesamt (Destatis):
Zahl der Pflegebedürftigen steigt bis 2070 deutlich an. Die Seite erläutert die Pflegevorausberechnung und die unterschiedlichen Annahmen für die Entwicklung bis 2055 und 2070. Statistisches Bundesamt – Pflegevorausberechnung: Zahl der Pflegebedürftigen steigt bis 2070 deutlich an – Statistisches Bundesamt
Bundesministerium für Gesundheit:
Pflegeunterstützungs- und -entlastungsgesetz (PUEG). Informationen zu den Modellvorhaben für Unterstützungsmaßnahmen und -strukturen vor Ort und im Quartier sowie zum Initiativrecht der Kommunen für Pflegestützpunkte. Bundesministerium für Gesundheit – Pflegeunterstützungs- und -entlastungsgesetz: Pflegeunterstützungs- und -entlastungsgesetz (PUEG) | BMG
ARD Mediathek:
Wer pflegt Mama?, „Rabiat by Y-Kollektiv“, Reportage von Lena Oldach, 1. August 2022. ARD Mediathek, ARD Mediathek – Wer pflegt Mama?: Wer pflegt die Eltern, wenn sie alt sind und Hilfe benötigen
Pflegende Angehörige | AOK Presse
Pflegestützpunkte – saarland.de
Pflegebedürftig. Was nun? (deutsch) | BMG
Arbeitskammer Faltblatt „Pflegefall akut“
AK-Faltblatt „Gut beraten in der Pflege“
AK-Faltblatt „Pflegezeitgesetz“
Formulare zum Download – Wege zur Pflege