Primärversorgung neu denken: Warum die Pflege jetzt ins Zentrum gehört
Der Reformdruck im deutschen Gesundheitswesen ist hoch. Schon heute fehlen Fachkräfte – und der Bedarf wird weiter steigen. Ohne strukturelle Veränderungen, neue Versorgungsmodelle und eine enge Zusammenarbeit zwischen Pflege, Medizin und sozialen Diensten droht möglicherweise eine langfristige Unterversorgung.
Die Friedrich-Ebert-Stiftung hat am 10.04.2026 eine Analyse veröffentlicht, die deutlich zeigt: Wenn wir die Primärversorgung zukunftssicher machen wollen, müssen wir die Rolle der Pflege grundlegend neu denken. Wir haben die wichtigsten Inhalte für Euch zusammengefasst:
Pflege im Zentrum der Primärversorgung
Die Analyse macht unmissverständlich klar, dass Pflegefachpersonen künftig eine deutlich größere Rolle übernehmen sollen. Der Hintergrund ist ernst: Ein wachsender Versorgungsmangel – sowohl bei Hausärzten als auch in der Pflege – trifft auf ein System, das im internationalen Vergleich nur im Mittelfeld liegt und auf kommende Herausforderungen nicht ausreichend vorbereitet ist.
Die größten Herausforderungen im Überblick
- Unterversorgung in vielen Regionen, insbesondere bei Hausärzten und in der Pflege
- Ein Fachkräftemangel, der sich weiter verschärfen wird
- Unzureichende Abstimmung zwischen den Berufsgruppen
- Eine zu starke Fokussierung auf ärztliche Versorgung bei gleichzeitig zu geringer Einbindung der Pflege
- Regionale Unterschiede in der Versorgungsqualität
Ein Perspektivwechsel: Pflege als gleichberechtigter Partner
Im Zentrum der Analyse steht daher eine klare Forderung: Pflegefachpersonen müssen als gleichberechtigter Bestandteil in interprofessionellen Teams etabliert werden. Die Gesundheitsversorgung darf nicht länger ausschließlich ärztlich gedacht werden.
Was bedeutet das konkret?
Pflegefachpersonen sollen künftig verstärkt Aufgaben in der Beratung, Koordination (Case Management) und Prävention übernehmen. Sie werden zu zentralen Ansprechpersonen – zu „Lotsen“ im Versorgungssystem. Gerade für chronisch kranke und pflegebedürftige Menschen kann das einen großen Unterschied machen, weil sie im Alltag häufig mit vielen unterschiedlichen Diagnosen, Terminen und Versorgungsangeboten gleichzeitig konfrontiert sind. Die pflegerische Lotsenfunktion hilft dabei, den Überblick zu behalten, Versorgungsprozesse besser zu koordinieren und frühzeitig auf Veränderungen im Gesundheitszustand zu reagieren. Dadurch entsteht eine kontinuierlichere, sicherere und besser abgestimmte Versorgung, in der Betroffene nicht im komplexen Gesundheitssystem verloren gehen.
Durch erweiterte Kompetenzen und spezialisierte Rollen, etwa im Bereich Advanced Practice Nursing oder Community Health Nursing, wird zudem ein eigenständigeres Arbeiten ermöglicht, weil Pflegefachpersonen dadurch nicht nur ausführende Tätigkeiten übernehmen, sondern auf Grundlage einer erweiterten Ausbildung auch eigenständig Versorgungsbedarfe einschätzen, Entscheidungen treffen und gezielte Maßnahmen einleiten können. Dadurch werden Abläufe effizienter, Wartezeiten verkürzt und die Versorgung insgesamt flexibler und näher am Bedarf der Patientinnen und Patienten gestaltet.
Neue Strukturen für eine bessere Versorgung
Neben der veränderten Rolle der Pflege braucht es auch strukturelle Anpassungen:
- Aufbau von Primärversorgungszentren
- Stärkere regionale und kommunale Steuerung
- Bessere Vernetzung von Gesundheits- und Sozialversorgung
Ein kompletter Systemumbau ist kurzfristig jedoch nicht realistisch. Deshalb empfiehlt die Analyse eine schrittweise Einführung – zunächst in Modellregionen und mit besonderem Fokus auf stark belastete Patientengruppen.
Konkrete Maßnahmen: Mehr als 70 Empfehlungen
Die Analyse bleibt nicht bei allgemeinen Forderungen, sondern liefert über 70 konkrete Handlungsempfehlungen, darunter:
- Anpassung der Bedarfsplanung
- Ausbau von Prävention und Gesundheitsbildung
- Stärkere Digitalisierung
- Klare gesetzliche Rahmenbedingungen
Ohne Pflege keine Zukunft der Versorgung
Eines wird beim Lesen der Analyse sehr deutlich: Ohne grundlegende Reformen wird sich die Versorgungssituation weiter verschärfen. Die stärkere Einbindung der Pflege ist dabei kein „Nice-to-have“, sondern eine zentrale Voraussetzung für ein funktionierendes Gesundheitssystem. Oder anders gesagt: Wenn wir die Primärversorgung wirklich neu denken wollen, führt kein Weg an der Pflege vorbei.
Viele Grüße aus dem Referat Pflege!
Quellen:
Reformbedarf in der Primärversorgung.pdf
Pflege soll Primärversorgung stärker tragen
Reformbedarf in der Primärversorgung
Reformbedarf in der Primärversorgung | Jonas Hendrik Wolframm
Aerztliche_Berufspolitik | Reformbedarf in der Primärversorgung | Facebook
Friedrich-Ebert-Stiftung – Abteilung Analyse, Planung und Beratung
70 Handlungsempfehlungen zur Reform der Primärversorgung – zm-online
Studie skizziert Ausgestaltung einer Primärversorgung | G+G