Zwischen Stigma und Hilfe: Der Blick auf Suchterkrankungen
Suchterkrankungen begegnen Pflegefachpersonen in vielen Bereichen des Gesundheitswesens. Ein professioneller, wertschätzender Umgang kann dazu beitragen, Stigmatisierung abzubauen und Betroffene frühzeitig zu erreichen. Der Festvortrag von Dr. med. Maurice Cabanis bei der Ärztekammer des Saarlandes nimmt diese Fragen aus suchtmedizinischer und gesundheitspolitischer Perspektive in den Blick.
Suchterkrankungen gehören zu den großen gesundheitlichen und gesellschaftlichen Herausforderungen unserer Zeit. Sie betreffen nicht nur die Menschen, die selbst von einer Abhängigkeitserkrankung betroffen sind, sondern auch deren Angehörige, das soziale Umfeld und unser Gesundheitssystem.
Für Pflegefachpersonen ist der professionelle Umgang mit Suchterkrankungen in vielen Arbeitsfeldern relevant. Betroffene begegnen ihnen beispielsweise in der Notaufnahme, auf somatischen Stationen, in psychiatrischen Einrichtungen, in der ambulanten Pflege, in der Rehabilitation oder in der Langzeitpflege.
Sucht ist deshalb längst nicht nur ein Thema der speziellen Suchtmedizin. Sie ist eine gesellschaftliche und gesundheitspolitische Herausforderung – und damit auch ein wichtiges Thema für die Pflege.
Sucht verstehen: hinschauen und Vorurteile abbauen
Pflegefachpersonen stehen häufig in engem Kontakt mit den Menschen, die sie versorgen. Sie erleben deren Alltag, nehmen Veränderungen des Gesundheitszustands wahr und können Hinweise auf problematischen Substanzkonsum erkennen.
Für Menschen mit einer Suchterkrankung kann es schwierig sein, sich anderen anzuvertrauen und Hilfe anzunehmen. Scham, Schuldgefühle und die Angst vor Verurteilung können dazu führen, dass Betroffene ihre Erkrankung verbergen oder notwendige Hilfe hinauszögern.
Eine wertschätzende und vorurteilsfreie Haltung kann dazu beitragen, diese Hemmschwellen abzubauen. Denn neben den gesundheitlichen Folgen einer Abhängigkeit sind Betroffene häufig auch mit gesellschaftlichen Vorurteilen und Stigmatisierung konfrontiert. Vorstellungen wie „Der ist doch selbst schuld“ können die Bereitschaft, Hilfe zu suchen, zusätzlich erschweren.
Eine Abhängigkeitserkrankung ist ein komplexes Krankheitsbild, bei dem medizinische, psychologische und soziale Unterstützung eine wichtige Rolle spielt. Ein professioneller und respektvoller Umgang kann dazu beitragen, Vertrauen aufzubauen, Scham zu reduzieren und Menschen zu ermutigen, Unterstützung anzunehmen.
Einblicke aus der modernen Suchtmedizin
Wie lassen sich Suchterkrankungen gesellschaftlich und gesundheitspolitisch einordnen? Welche Bedeutung haben Prävention und frühzeitige Unterstützung? Und wie kann eine moderne Suchtversorgung gestaltet werden, die Betroffene erreicht?
Mit diesen Fragen beschäftigt sich Dr. med. Maurice Cabanis in seinem Festvortrag im Rahmen der Eröffnung des Fortbildungsjahres 2026/2027 der Ärztekammer des Saarlandes. Dr. med. Maurice Cabanis leitet als Ärztlicher Direktor die Klinik für Suchtmedizin und Abhängiges Verhalten am Klinikum Stuttgart. Darüber hinaus ist er Erster Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Suchtmedizin.
In der Klinik werden Menschen mit unterschiedlichen Abhängigkeitserkrankungen behandelt. Neben medizinischen Aspekten werden dabei auch psychologische und soziale Aspekte berücksichtigt. Zum Behandlungsspektrum gehören unter anderem die qualifizierte Entzugsbehandlung, psychotherapeutische Angebote sowie die Einbindung weiterer Unterstützungsangebote.
Der Festvortrag richtet den Blick über die Behandlung einzelner Patientinnen und Patienten hinaus auf die gesellschaftlichen und gesundheitspolitischen Dimensionen von Suchterkrankungen. Damit verbunden sind Fragen, die auch für die Pflege von Bedeutung sind: Wie können Betroffene frühzeitig erreicht werden? Wie lassen sich Zugänge zu Unterstützung verbessern? Und welchen Beitrag können die verschiedenen Gesundheitsberufe leisten?
Prävention beginnt früher
Idealerweise setzt Unterstützung bereits an, bevor sich problematischer Konsum zu einer Abhängigkeit entwickelt. Prävention bedeutet dabei mehr als reine Informationsvermittlung. Sie umfasst auch die Stärkung von Gesundheitskompetenz, einen offenen Umgang mit gesundheitlichen Risiken und die Möglichkeit, frühzeitig Beratung und Unterstützung zu erhalten.
Für die Pflege eröffnet sich hier ein breites Handlungsfeld – von Information und Beratung über Früherkennung bis hin zur Begleitung von Menschen mit Suchterkrankungen und ihren Angehörigen.
Im Rahmen der Veranstaltung wird der Gesundheitspreis der Saarländischen Ärzteschaft 2026 für ein Projekt aus dem Bereich Suchtprävention verliehen. Damit wird die Frage in den Mittelpunkt gerückt, wie Menschen erreicht werden können, bevor sich aus riskantem Konsum eine Abhängigkeitserkrankung entwickelt.
Gemeinsam Verantwortung übernehmen
Suchtprävention und die Versorgung suchtkranker Menschen lassen sich nicht allein durch eine Berufsgruppe bewältigen. Medizin, Pflege, Psychotherapie, Sozialarbeit, Suchthilfe und weitere Akteurinnen und Akteure müssen zusammenarbeiten.
Pflegefachpersonen sind in vielen Bereichen des Gesundheitswesens präsent und können dabei eine wichtige Schnittstelle zwischen Betroffenen, Angehörigen und weiteren Unterstützungsangeboten sein.
Impulse für die Pflege
Der Vortrag von Dr. Maurice Cabanis bietet die Gelegenheit, den Blick über die reine Behandlung hinaus zu richten: auf die Menschen hinter der Erkrankung, auf die Strukturen unseres Gesundheitssystems und auf die Frage, welchen Beitrag die Gesundheitsberufe zu Prävention, Versorgung und einer wertschätzenden Begleitung leisten können.
Gerade für Pflegefachpersonen kann der Abend neue Impulse geben – für den beruflichen Alltag ebenso wie für die gemeinsame Weiterentwicklung einer patientenorientierten Gesundheitsversorgung.
Veranstaltung „Suchtmedizin“
Mittwoch, 16. September 2026
ab 18:00 Uhr
Haus der Ärzte, Saarbrücken
Um 18:30 Uhr wird der Gesundheitspreis der Saarländischen Ärzteschaft 2026 für ein Projekt aus dem Bereich Suchtprävention verliehen.
Um 18:45 Uhr folgt der Festvortrag von Dr. med. Maurice Cabanis.
Um 19:30 Uhr ist ein feierlicher Ausklang vorgesehen.
Ein Abend, der dazu anregt, genauer hinzusehen, Vorurteile zu hinterfragen und gemeinsam neue Perspektiven auf Sucht und Versorgung zu entwickeln.
Zur Anmeldung
Weitere Informationen zur Veranstaltung
Viele Grüße aus dem Referat Pflege!
Quellen und weitere Informationen:
- Eröffnung Fortbildungsjahr 2026 | Ärztekammer Saarland
- Startseite | Suchtmedizin, Abhängiges Verhalten | Klinikum Stuttgart
- Über den Verein – DG-Suchtmedizin
- Tagesordnung Klausurtagung Leipzig 03. – 05. 2023
- Wertvolle Unterstützung durch die Porsche AG | Klinikum Stuttgart
- Coffeetalk mit Dr. Maurice Cabanis: Vorurteile in der Suchtmedizin & gute Vorsätze – 07HEALTH – der Podcast aus dem Klinikum Stuttgart | Acast (“Coffeetalk mit Dr. Maurice Cabanis: Vorurteile in der Suchtmedizin …”)