Veröffentlicht am 11. September 2026

Das Primärarztsystem – Bedeutung und Rolle der Pflege

Unser Gesundheitswesen steht vor großen Herausforderungen. Der demografische Wandel, die zunehmende Zahl chronisch und mehrfach erkrankter Menschen sowie begrenzte personelle Ressourcen erhöhen den Bedarf an einer gut abgestimmten und wohnortnahen Gesundheitsversorgung.

Vor diesem Hintergrund wird in Deutschland zunehmend über die Einführung eines verbindlichen Primärarztsystems diskutiert. i, ii
Doch was ist unter einem Primärarztsystem zu verstehen und welche Bedeutung könnte dieses Modell für die Pflege haben?

Was ist ein Primärarztsystem?

Bei einem Primärarztsystem wenden sich Patientinnen und Patienten bei gesundheitlichen Beschwerden zunächst an eine primärärztliche Anlaufstelle. In dem derzeit in Deutschland diskutierten Modell soll diese Funktion insbesondere von Haus- und Kinderärztinnen und -ärzten übernommen werden. Sie beurteilen zunächst die Beschwerden, stellen eine Diagnose oder veranlassen weitere Untersuchungen und entscheiden, ob eine fachärztliche oder andere weiterführende Behandlung erforderlich ist. iii, iv

Vereinfacht lässt sich der mögliche Versorgungsweg so darstellen:

Patientin/Patient → Haus- oder Kinderarzt → bei Bedarf weitere fachärztliche oder andere Versorgung

Der Primärarzt übernimmt dabei nicht nur die medizinische Erstversorgung. Eine wichtige Aufgabe besteht auch darin, die weitere Behandlung zu koordinieren und Patientinnen und Patienten durch das Gesundheitssystem zu begleiten. Eine solche Steuerungsfunktion soll unter anderem dazu beitragen, vorhandene Versorgungskapazitäten gezielter einzusetzen. v, vi

Dabei ist zu beachten, dass die konkrete Ausgestaltung eines Primärarztsystems in Deutschland noch Gegenstand der gesundheitspolitischen Diskussion ist. Insbesondere Fragen zur Verbindlichkeit, zu Ausnahmen und zur konkreten Organisation der Patientensteuerung sind noch nicht abschließend geklärt.vii, viii

Primärarztsystem und Primärversorgung – wo liegt der Unterschied?

Die Begriffe Primärarztsystem und Primärversorgung werden häufig gemeinsam verwendet, bezeichnen aber nicht dasselbe.

Primärversorgung ist weiter gefasst

Sie umfasst die erste Ebene der gesundheitlichen Versorgung und kann verschiedene Gesundheitsberufe und Unterstützungsangebote einbeziehen. Dazu gehören neben Ärztinnen und Ärzten beispielsweise Pflegefachpersonen, therapeutische Berufe und weitere Gesundheitsfachberufe.

Ein Primärarztsystem legt dagegen einen besonderen Schwerpunkt auf die Steuerung des Zugangs zur weiteren medizinischen Versorgung. Der Haus- oder Kinderarzt steht dabei als erste ärztliche Anlaufstelle im Mittelpunkt.ix, x

Vereinfacht gesagt:

  • Primärversorgung beschreibt die erste und wohnortnahe Versorgungsebene.
  • Primärarztsystem beschreibt insbesondere die Organisation und Steuerung des Zugangs zu weiterer medizinischer Versorgung.

Gerade aus Sicht der Pflege ist diese Unterscheidung wichtig. Denn eine moderne Primärversorgung kann deutlich breiter angelegt sein als ein ausschließlich auf die hausärztliche Steuerung ausgerichtetes Modell.

Welche Vorteile kann ein Primärarztsystem haben?

Ein Primärarztsystem wird mit verschiedenen möglichen Vorteilen verbunden. Ob diese tatsächlich erreicht werden, hängt allerdings von der konkreten Ausgestaltung des Systems ab.

1. Bessere Koordination der Behandlung

Menschen mit mehreren Erkrankungen werden häufig von unterschiedlichen Ärztinnen und Ärzten sowie weiteren Gesundheitsberufen betreut. Wenn Informationen zwischen den Beteiligten nicht ausreichend ausgetauscht werden, kann die Versorgung unnötig kompliziert werden. Eine zentrale hausärztliche Anlaufstelle kann dazu beitragen, Informationen zusammenzuführen, Behandlungsmaßnahmen aufeinander abzustimmen und den weiteren Versorgungsweg zu koordinieren. Gerade bei chronisch und mehrfach erkrankten Menschen kann eine kontinuierliche Betreuung dabei von Bedeutung sein. xi ,xii

2. Gezielter Einsatz fachärztlicher Ressourcen

Nicht jede gesundheitliche Beschwerde erfordert eine fachärztliche Behandlung. Ein Primärarzt kann zunächst einschätzen, welche Versorgung tatsächlich erforderlich ist. Ein mögliches Ziel besteht deshalb darin, unnötige Arztkontakte, Doppeluntersuchungen oder nicht erforderliche Weiterleitungen zu vermeiden. Dadurch könnten fachärztliche Kapazitäten stärker für Patientinnen und Patienten genutzt werden, bei denen eine spezialisierte Behandlung notwendig ist. xiii

Allerdings sind solche Effekte nicht automatisch garantiert. Eine aktuelle gesundheitsökonomische Diskussion weist beispielsweise darauf hin, dass zusätzliche Steuerungsschritte auch zusätzlichen Zeit- und Koordinationsaufwand verursachen können. Deshalb sollte ein Primärarztsystem regelmäßig daraufhin überprüft werden, ob es tatsächlich zu einer Verbesserung von Qualität und Effizienz führt. xiv

3. Kontinuität der Versorgung

Eine langfristige hausärztliche Betreuung ermöglicht es, Patientinnen und Patienten über einen längeren Zeitraum zu begleiten. Die Kenntnis der Krankengeschichte und individueller Lebensumstände kann dabei helfen, gesundheitliche Entwicklungen besser einzuordnen und Entscheidungen gemeinsam mit den Betroffenen zu treffen. Dies kann insbesondere für ältere Menschen sowie für Menschen mit chronischen oder mehreren gleichzeitig bestehenden Erkrankungen von Bedeutung sein.

Welche Rolle spielt die Pflege?

Die Pflege ist für eine funktionierende Primärversorgung von großer Bedeutung. Pflegefachpersonen haben häufig einen engen und kontinuierlichen Kontakt zu Patientinnen und Patienten. Dadurch können Veränderungen des Gesundheitszustands frühzeitig wahrgenommen und in die weitere Versorgung eingebracht werden. Beispielsweise können Veränderungen wie zunehmende Schwäche, eine veränderte Flüssigkeitsaufnahme, Probleme bei der Medikamenteneinnahme oder eine Verschlechterung der Alltagsfähigkeiten wichtige Hinweise darauf geben, dass sich der Unterstützungs- oder Behandlungsbedarf verändert.

Eine gute Zusammenarbeit zwischen Pflegefachpersonen und Hausärztinnen beziehungsweise Hausärzten kann dazu beitragen, solche Veränderungen frühzeitig zu erkennen, Informationen weiterzugeben und gemeinsam geeignete Maßnahmen einzuleiten.

Darüber hinaus verfügt die Pflege über wichtige Kompetenzen in den Bereichen Beratung, Gesundheitsförderung, Prävention, Krankheitsmanagement und Patientenedukation. Gerade diese Aufgaben gewinnen in einer stärker vernetzten Primärversorgung an Bedeutung. Der Deutsche Berufsverband für Pflegeberufe beschreibt beispielsweise Community Health Nursing als ein pflegerisches Handlungsfeld, das unter anderem Beratung, Prävention, Gesundheitsförderung, Koordination und Vernetzung miteinander verbindet. xv,xvi

Welche Chancen bietet ein Primärversorgungssystem für die Pflege?

Eine Weiterentwicklung der Primärversorgung könnte neue Möglichkeiten für Pflegefachpersonen schaffen. Denkbar sind beispielsweise eine stärkere Beteiligung an der Versorgung chronisch erkrankter Menschen, Beratungsangebote, Hausbesuche, Gesundheitsförderung und Prävention oder neue Aufgaben im Rahmen des Community Health Nursing.

Der Deutsche Pflegerat fordert deshalb eine Primärversorgung, in der die verschiedenen Gesundheitsberufe ihre jeweiligen Kompetenzen einbringen und auf Augenhöhe zusammenarbeiten. Auch der DBfK setzt sich für multiprofessionelle Primärversorgungszentren ein, in denen unter anderem Pflegefachpersonen, Ärztinnen und Ärzte sowie weitere Gesundheitsberufe gemeinsam tätig sind.xvii

Dabei sollte es nicht darum gehen, ärztliche Aufgaben und Verantwortung lediglich auf die Pflege zu übertragen. Vielmehr sollten die jeweiligen Kompetenzen der Berufsgruppen klar definiert und sinnvoll miteinander verbunden werden. Der Deutsche Pflegerat betont in diesem Zusammenhang insbesondere klare Zuständigkeiten, eigenverantwortliche Aufgaben entsprechend der jeweiligen Qualifikation und eine verlässliche interprofessionelle Zusammenarbeit

Welche Herausforderungen gibt es?

Ein Primärarztsystem bringt nicht automatisch nur Vorteile mit sich. Eine wichtige Frage ist beispielsweise, wie der Zugang zu Fachärztinnen und Fachärzten geregelt wird. Eine verbindliche hausärztliche Steuerung könnte zwar dazu beitragen, die Versorgung gezielter zu organisieren, gleichzeitig aber auch zusätzliche Zugangshürden schaffen, wenn Ausnahmen oder alternative Zugangswege nicht ausreichend berücksichtigt werden.xviii,xix

Eine weitere Herausforderung besteht in den vorhandenen personellen Kapazitäten. Wenn Hausarztpraxen bereits stark ausgelastet sind, könnte eine zusätzliche Steuerungsfunktion zu einer höheren Belastung führen. Die Bundesregierung hat deshalb selbst darauf hingewiesen, dass eine Überlastung der für die Primärversorgung vorgesehenen Arztgruppen vermieden werden muss.

Aus Sicht der Pflege kommt außerdem die Frage hinzu, wie Gesundheitsfachberufe strukturell in die Primärversorgung eingebunden werden. Der Deutsche Pflegerat und der DBfK fordern hier eine stärkere und verbindliche Beteiligung der Pflege.

Damit ein Primärversorgungssystem langfristig funktionieren kann, braucht es deshalb nicht nur eine gute Steuerung durch Hausärztinnen und Hausärzte, sondern auch ausreichend Personal, klare Zuständigkeiten, funktionierende Kommunikationswege und eine verlässliche Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Gesundheitsberufen.

Fazit

Ein Primärarztsystem stellt die hausärztliche Versorgung als erste Anlaufstelle und als wichtigen Ausgangspunkt für die weitere Behandlung in den Mittelpunkt. Ziel ist eine bessere Koordination der Versorgung und eine gezieltere Steuerung der Patientinnen und Patienten durch das Gesundheitssystem.

Ein solches System kann dazu beitragen, die Kontinuität der Versorgung zu verbessern, Behandlungen besser miteinander abzustimmen und vorhandene medizinische Ressourcen gezielter einzusetzen. Gleichzeitig sind mögliche zusätzliche Belastungen für Hausarztpraxen sowie Fragen des Zugangs zu Fachärztinnen und Fachärzten zu berücksichtigen. SSpringer+1

Für die Pflege ist vor allem die interprofessionelle Zusammenarbeit von Bedeutung. Pflegefachpersonen bringen durch ihren kontinuierlichen Patientenkontakt, ihre pflegefachliche Beobachtungskompetenz sowie ihre Erfahrungen in Beratung, Prävention und Gesundheitsförderung wichtige Kompetenzen in die Primärversorgung ein.

Eine zukunftsfähige Primärversorgung sollte deshalb nicht ausschließlich auf die hausärztliche Steuerung ausgerichtet sein. Entscheidend ist vielmehr, die unterschiedlichen Gesundheitsberufe sinnvoll miteinander zu vernetzen und ihre jeweiligen Kompetenzen zu nutzen. Gerade die Pflege kann dabei einen wichtigen Beitrag zu einer wohnortnahen, kontinuierlichen und patientenzentrierten Versorgung leisten.

Viele Grüße aus dem Referat Pflege


Quellen und weitere Informationen:


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